Einschätzung des Status Quo der Readers Edition
Feb 3rd, 2007 | By Phil v. Sassen | Popularity: 19% | Category: PhilDie jüngsten Ereignisse bei der Readers Edition haben nicht nur mich überrascht. Als Moderator der ersten Stunde bin ich über das Vorgehen bestürzt. Mit Dr. Michael Maier (der im Netz am liebsten seine eigenen Statistiken liest) und Hugo E. Martin („Berater“ aus dem konservativen Verlagswesen) betritt das Projekt nun ungewisse Pfade. In den unterschiedlichen Artikeln zur Readers Edition kommen Dinge zu Tage (nicht nur der Umgang mit den Moderatoren), die selbst ich nicht kannte… Eine offizielle Stellungnahme der Projektleitung wurde leider nicht abgegeben. Es ist an der Zeit, dass die angesprochenen Probleme von Herrn Dr. Maier und Hugo E. Martin aus der Welt geschaffen werden. Die derzeitige “Vogelstrausspolitik” ist unangemessen und hat mit Leserjournalismus nicht mehr viel zu tun. Das Bürgerjournalismus-Projekt hat einen irreparablen Schaden erlitten. Nun wird es sehr schwer die Glaubwürdigkeit des Projekts sowie der „Macher“ zu beweisen.Eine Beschreibung des Status quo fällt schwer, da sich die Readers Edition derzeit als Black Box präsentiert. Auch eine Bestimmung der Assets der Readers Edition ist schwer möglich. Sind es die Leser, die Autoren, die Moderatoren, die Macher die Plattform, die Inhalte oder ist es die ProjektIdee?
Die Leser: Im Bürgerjournalismus steht der Leser im Mittelpunkt. So sieht es auch das neue „Redaktionsteam“ der Readers Edition. Der Leser kann mit den Autoren in einen direkten Dialog eintreten und Kommentare sowie Kritik unkompliziert äussern. Hierbei ist jedoch wichtig, dass der Leser ernst genommen wird und er eine Antwort erhält. Leider wird dies derzeit bei der Readers Edition nicht beherzigt. Ein offener Dialog wird nicht angestrebt bzw. geht man einem möglichem Dialog bewusst aus dem Weg. Schade, denn jede Form von Feedback hilft ein solches Projekt zu verbessern. Man sollte dies daher als Chance begreifen und nicht als Rüge der Leser.
Die Autoren: Die Autoren sorgen für die Inhalte der Publikation. Nur durch ihre Arbeit können Leser langfristig an das Medium gebunden werden. Die Hürde einen Artikel beizusteuern muss so gering wie möglich gehalten werden. Das Publizieren von Inhalten muss einfach sein, damit die Autoren nicht abgeschreckt werden. Bei der Überprüfung von Inhalten müssen Artikel zeitnah redigiert werden, um ihre nicht Aktualität nicht zu verlieren. Der Umgang mit Autoren ist besonders wichtig. Beim Redigieren von Artikeln darf der Autor nicht das Gefühl bekommen, dass sein Artikel komplett umgeschrieben und inhaltlich verändert wird.
Die Moderatoren: Moderatoren sind Mittler zwischen Lesern und Autoren. Zusätzlich vertreten sie das Projekt und sollten für eine aktive Partizipation der Leser werben. Ziel ist die Konvertierung von Lesern zu aktiven Teilnehmen. Dies kann auf der einen Seite durch Kommentare und Feedback (z.B. Mail mit Themenvorschlägen) auf der anderen Seite durch das Beisteuern von Artikeln geschehen. Moderatoren benötigen einen grossen Rückhalt sowie Akzeptanz bei den Lesern als auch bei den Autoren. Momentan dürfte dieses Vertrauen durch das Verhalten des neuen „Redaktionsteams“ gebrochen sein.
Die Plattform: Die technische Plattform muss verständlich und einfach zu bedienen sein. Derzeit basiert die Readers Edition auf einer aufgeborten Wordpress-Installation, die manuell angepasst wurde. Aufgrund der Anpassungen ist ein Update des System nicht möglich, da Wordpress jedesmal umgeschrieben werden müsste. Sicherheitslücken können derzeit nicht durch ein Einspielen von Updates behoben werden. Da man die Version 2.0.2 von Wordpress einsetzt (siehe Quelltext). Ist man auch von einer „Injection Vulnerability“ betroffen. Ein Upgrade wird von den Wordpress-Entwicklern dringend empfohlen (mittlerweile wurde die Wordpress Version 2.1. veröffentlicht). Änderungen am System können derzeit jedoh nicht durchgeführt werden, da man mit dem Weggang von der Netzeitung auch alle technischen Ressourcen verloren hat. Laut Dr. Maier sucht man händeringend nach einem neuen Administrator und möchte auf ein neues CMS-System umsteigen, um langfristig bestehen zu können.
Die Inhalte: Content is King! Inhalte sind für ein Medium die wichtigste Grundlage. Hierbei spielt die Aktualität der Inhalte eine wichtige Rolle. Momentan werden noch genügend Artikel auf der Readers Edition veröffentlicht. Das neue „Moderationsteam“ ist bemüht Artikel schnell und fehlerfrei zu veröffentlichen. Komischerwiese werden jedoch zunehmend Pressemittelungen 1:1 publiziert. Dies führt nicht zu einer Akzeptanz der Readers Edition als journalistisches Medium. Für eine langfristige Leserbindung ist das Profil der Readers Edition wichtig, welches noch nicht herausgearbeitet werden konnte. Derzeit ist die Readers Edition eine Ansammlung unterschiedlicher Artikel deren Qualität stark schwankt. Einen Charakter hat die Readers Edition noch nicht entwickelt. Man fragt sich, wofür die Readers Edition steht und wie sie sich journalistisch weiterentwickelt. Dr. Maier plant ein „Advisory Board“ zu formen, welches aus gestandene Journalisten bestehen soll, die dem Projekt beratend zur Seite stehen. Ob man ein solches Gremium unter den derzeitigen Umständen aufbauen kann, ist äusserst fraglich. Da der Umgang mit den Projektteilnehmern potentielle „Advisor“ abschrecken dürfte.
Die Idee: User Generated Content, Blogs, Podcasts und der überstrapazierte Begriff „Web 2.0“ sind in aller Munde. Bürgerjournalismus-Projekte wie OhmyNews und Newsvine zeigen, dass ein Bedarf an Graswurzel-Journalismus besteht. In Deutschland sind wir zwar nicht so weit wie in den USA oder Korea, Online-Journalismus gewinnt jedoch auch bei uns eine zunehmend wichtige Rolle. Alle grossen Verlage arbeiten derzeit an neuen Projekten in diesem Bereich (z.B. WAZ-Mediengruppe, Springer). Die Umsetzung des Graswurzel-Journalismus in der Readers Edition ist derzeit jedoch sehr dürftig. Es sieht aus, als währen Dr. Maier und Hugo E. Matin eher an Personality-PR interessiert als an den Ideen der Bürgerjournalismus-Bewegung.
Fazit: Die Raders Edition wurde zum richtigen Zeitpunkt gelaunched und hat sich einen vielversprechenden Trend zu eigen gemacht. Der Anspruch der Macher und die Realität gehen jedoch sehr stark auseinander. Es scheint, als verstehe man die Charakterzüge, die diese neuen Medienform mit sich bringt, nicht. Ob dies mutwillig passiert oder Unwissenheit ausschlaggebend ist, kann derzeit nicht eingeschätzt werden. Der Umgang mit Kritik und das nicht vorhandene Krisenmanagement zeigen jedoch, dass man nicht einmal versucht sich kritisch mit seinen Usern auseinander zu setzen. Dr. Maier möchte mit der „BF Blogform Readers Edition GmbH“ „BF Social Media GmbH“ (der Name wurde in den letzten Tagen geändert) eine Plattform für Bürgerjournalismus aufbauen. Dieses Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn man die „schöne neue Medianwelt“ versteht und glaubwürdig vertritt! Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang ein Kommentar von Dr. Maier: „Ich bin da noch etwas altmodisch und komme aus einer anderen Welt. Ich greife lieber zum Telefon als eine Mail zu schreiben.“ (Zitat laut Gedächtnisprotokoll).
Es soll nicht der Eindruck entstehen, ein geschasster Moderator würde sich hier den Frust von der Seele schreiben. Vielmehr soll dieser Beitrag zum Nachdenken anregen und eine kritische Debatte hervorrufen. Auch wenn ich die Situation der Readers Edition sehr kritisch einschätze, hoffe ich, dass das Projekt überlebt und den Bürgerjournalismus in Deutschland positiv vorantreibt! Ich freue mich auf konträre Meinungen, Kritik, Klarstellungen sowie Fragen!
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Hallo Phil, Du beleuchtest das Projekt sachlich und umfassend und machst damit erneut deutlich, dass bei den wegen »Faulheit« gefeuerten Moderatoren Sachverstand und konzeptionelles Denken vorhanden ist, das inzwischen völlig verspielt scheint. Es scheint mir so, als hätten sich zwei »alte Hasen« in einen Kiez begeben, von dem kaum Ahnung haben. Nur so ist (bei aller menschlicher Schwäche) erklärlich, wie sie derartig viel Porzellan zerschlagen konnten und bis heute noch nicht begriffen haben, auf welchem Instrument sie spielen. Aber sei bitte nachsichtig: auch blinde Hühner wollen fressen.
Liebe Grüße
Rupi
Gibt es nicht genügend Ressourcen, um fernab vom Kommerz ein adäquates Bürgerjournalismusprojekt zu initiieren? Leute, die Spaß an der journalistischen Arbeit haben, die gerne schreiben, die so eine Plattform betreuen. Es geht ja nicht darum, sich dumm und dämlich zu verdienen oder eine goldene Nase zu kriegen. Über Werbeeinnahmen ließe sich langfristig vielleicht sogar “mehr als” nur die Betriebskosten wieder reinholen.
Rupi und Phil: Ihr sprecht da wirklich ein großes Problem an, welches auch ich bei der RE sehe: Es gibt keine genaue Vorstellungen bei den leitenden Personen, wie ein solches Projekt umgesetzt werden soll. Klar, natürlich gibt es interessante Studien und Entwicklungen im Netz, die einen Blick wert sind. Aber muss deshalb alles in die RE integriert werden, muss sie zu einer “eierlegenden Wollmilchsau” ausgebaut werden? Die derzeitige Entwicklung scheint eindeutig darauf hinauszulaufen..
Doch wird der wohl wichtigeste Punkt dabei übersehen: Der “RE-zipient”; die Autoren und Leser. Dieser wird in den nächsten Monaten wohl mit einer Fülle von Neuerungen überlastet werden und dadurch den Überblick verlieren. schon jetzt ist die RE durch nicht eindeutig abgegrenzte Ressorts unübersichtlicher geworden, der Leser weiß oft nicht, was ihn im jeweiligen Ressort erwartet.
Ich möchte hier niemandem Inkompetenz unterstellen, Herr Maier, Herr Martin und auch Frau Pidun sind in bestimmten Bereichen außerordentlich qualifiziert. Jedoch gibt es gerade im Bereich des Community-Building vieles, was man falsch machen kann. Ich habe selber schon mehrere Communities betreut, entwickelt und mit aufgebaut. Meine Erfahrungen zeigen, dass man Neuerungen behutsam einführen muss, wenn sie angenommen werden sollen. Auch müssen immer die Teilnehmer mit einbezogen werden, müssen sich beteiligt und der Community zugehörig fühlen. Klar, man kann immer mit einer Idee baden gehen, das ging mir auch schon so. Aber man entwickelt ein Gespür mit der Zeit, wenn man am Ball bleibt und auch das normale “Tagesgeschäft” im Auge behält - man kann dabei nur lernen. Und genau dieser Einblick fehlt m. E. nach der Geschäftsführung, fehlt nun natürlich auch den neuen Moderatoren, die auch erst einmal ein Gefühl bekommen müssen für das, was sie dort betreuen. Ich bin gespannt, ob die RE es schafft, auch diesen wohl sehr wichtigen Punkt in Zukunft umzusetzen..
Gestern gab es ein Interview mit Michael Meier bei Medien Mittweida. Leider ist der Informationsstand wie seit Wochen unverändert, auch kein Wort zu den Vorgängen der letzten Tage: Medien Mittweida.
Leider hat man die Chance nicht genutzt, um die Situation der Readers Edition kritisch zu hinterfragen. Der Verweis auf “The world is flat” ist überflüssig. Es spielt keine Rolle von welchem Ort der Welt man Probleme nicht löst. Das Krisenmanagement wird weder von Herrn Dr. Maier in den USA noch von Hugo E. Martin in Berlin betrieben.
PS: Besten Dank für den Hinweis auf das Interview.
@Florian: Das ist fein zwischen den Zeilen zu lesen. 3 Personen werden genannt, denen keine Inkompetenz vorgeworfen wird, eine Person wird ausgespart. Warum nur?! *G*
Das lasse ich mal offen, lesen kann man das sicherlich, wie es einem in den Sinn kommt. Vielleicht traue ich dieser Person ja sogar zu, mehr von der RE und ihrer Community als die anderen zu verstehen, da ich ja mehrere Monate ihr Kollege war..
Egal wie man es dreht, das neue “Redaktionsteam” hat sich zumindest in der Vergangenheit nicht ordnungsgemäss um die Leser und Autoren der Readers Edition gekümmert. Es besteht durchaus Nachholbedarf! Die Readers Edition muss umgehend Vertrauen gewinnen, um nicht auch die derzeit aktiven Autoren zu verlieren…
Das ist ja gerade der Punkt. Von der Einsicht, dass Veränderungen eintreten müssen, ist m. E. in der Projektleitung derzeit keine Spur zu erkennen. Und das ist ja die Voraussetzung, um das Projekt fortführen zu können, damit es Früchte trägt.
Du hast die Situation ganz treffend und sachlich beschrieben. Ich halte mich hier mit meiner Meinung mal raus.
@Alexander Trust: Sicherlich könnte man solch ein Projekt auch gemeinnützig aufziehen, aber die dahintersteckende Arbeit ist gewaltig. Die RE ist daher prinzipiell eine gute Lösung. Hinderlich ist letztlich nur der Versuch, eine möglichst gewinnbringende Maschinerie dahinter zum Laufen zu bringen; letztlich auf Kosten der Glaubwürdigkeit und des Ansehens eines solchen Projektes. Einen Mittelweg zu finden ist also sicher der wichtigste zu berücksichtigende Punkt bei der Konzipierung eines CJ-Projekts.