Ärzte-Protest erreicht Höhepunkt | Viele schwanken zwischen Wut und Resignation
Jan 19th, 2006 | By Phil v. Sassen | Popularity: 1% | Category: PhilGestern war Berlin bestens für alle Notfälle gerüstet. 20.000 Ärzte - erwartet hatten die Veranstalter nur 5000 Demonstranten - demonstrierten in der Hauptstadt für bessere Arbeitsbedingungen, Bürokratieabbau und gerechtere Bezahlung.
Dr. Ulrich von Sassen, Internist:
„Wir sind gut erzogen. Aber viele schwanken zwischen Wut und Resignation.“Streiken, demonstrieren? Eigentlich seien Ärzte ja ein gut erzogener Haufen, meint Ulrich von Sassen. „Aber viele schwanken zwischen Wut und Resignation“. Von Sassen, seit 20 Jahren Hausarzt in gut bürgerlichen hannoverschen Stadtteil Kirchrode, wird heute in Berlin mitmarschieren. „Flagge zeigen“, nennt es der 59-Jährige. Damit sich etwas ändert? „Damit die Politik und die Bevölkerung aufwachen und erkennen, dass es nicht um Jammern auf hohem Niveau geht.“ Nein, der Politik traut er nicht mehr über den Weg. „Aber wenn man sich wehrt, ist man wieder etwas motivierter.“
Von Sassen fühlt sich nicht angemessen honoriert. Mit seinen Kassenpatienten kann er die Betriebskosten seiner Praxis und drei Vollzeitkräften bezahlen. Er selbst lebt von seinen Privatpatienten – etwa jeder vierte ist privat versichert. In einer Durchschnittspraxis ist es gerade einmal jeder Zehnte. Seit Jahren gehe es bergab. Früher habe er für ein EKG noch 25 Mark bekommen, heute sind es umgerechnet 15 Mark. „Man muss immer mehr Patienten behandeln, um noch seinen Schnitt zu halten.“
Ihn stört vor allem das System- die Honorierung nach Punkten und nicht nach Leistung und die nicht nachvollziehbare Abrechnungspraxis der eigenen Interessenvertretung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). „Den Unsinn müssen wir auch noch bezahlen“. Von Sassen, zugleich Landesvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Internisten, würde die KV am liebsten abschaffen. Wie das gesamte System, das er nur noch als staatliche Gängelei empfindet. Kürzlich hat er eine Kassenvertreterin am Telefon abgebügelt, die seine Behandlung einer Diabetes-Patientin in Frage stellte. „Das geht die doch überhaupt nichts an!“
Von Sassen hat drei Kinder. Keines hat sich für den Arztberuf entschieden. Er bedauert es nicht. „Sie haben einen Vater erlebt, der 20 Jahre lang von morgens bis abends arbeitet, am Wochenende Hausbesuche macht und häufig frustriert nach Hause kam.“ Gestartet sei er mir Spass und Frohsinn.
In den vergangenen Tagen hat ihm eine Patientin ein Kuvert mit 100 Euro gereicht. Für die Fahrt nach Berlin, hat sie gesagt. Von Sassen hat das Geld angenommen und sich gefreut. „Ich fand das fatal gut.“ (HAZ | 18.01.)
Tagging: Ärzteprotest, Ulla Schmidt, Gesundheitswesen
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